Die Walz ist eine jahrhundertealte Tradition des Handwerks. Zimmermannsgesellen gehen nach ihrer Ausbildung mehrere Jahre auf Wanderschaft, um Erfahrungen zu sammeln, neue Techniken zu lernen und das Handwerk über die Grenzen der Heimat hinauszutragen.

Ihre Wege führten und führen sie durch Deutschland, Österreich, die Schweiz oder Frankreich – manche sogar bis nach Neuseeland oder Australien. Unterwegs begegnen sie fremden Wäldern, neuen Kulturen, lehrreiche Arbeitsweisen und besonderen Menschen. Die Erfahrungen, die sie dabei machen, prägen viele für ihr späteres Berufsleben und finden sich oft in der Kombination von Tradition und modernem Holzbau wieder.

Auf der Walz sein

Neue Erfahrungen machen. Viel Zeit in der Natur verbringen und Menschen, Kulturen, Techniken und Arbeitsweisen offen begegnen. Abschied nehmen, unterwegs sein, Rast machen. Wehmut spüren, wach und neugierig bleiben. Lernen, sich und seine Fähigkeiten weiterentwickeln. Dankbar zurückdenken, intensiv den Moment leben und sich auf morgen freuen. Das bedeutet es für viele auf der Walz sein.

Früher gehörten wandernde Gesellen selbstverständlich zum Straßenbild. Mit breitkrempigem Schlapphut, Stenz und Bündel, in schwarzer Cordkluft mit Schlaghose, Weste und Manchesterjacke zogen sie durch Länder und Städte. Ihre Heimat durften sie drei Jahre und einen Tag lang nicht betreten – innerhalb eines Bannkreises von 50 Kilometern. In manchen Regionen waren es sogar sechs Jahre und ein Tag.

Sinn und Zweck der Walz

Ziel der Wanderschaft war und ist es, das Handwerk nach der Lehre weiter zu verfeinern. Gesellen sammelten Berufserfahrung bei unterschiedlichen Betrieben, unter fremden Meistern und oftmals unter harten Bedingungen.

An diesem jahrhundertealten Brauch hat sich bis heute wenig verändert – außer, dass deutlich weniger Handwerker unterwegs sind als noch im 19. Jahrhundert.

Unterwegs in der Fremde – auf dem Weg zum Meister

Im Holzbau hat die Walz bis heute einen besonderen Stellenwert – stärker als in vielen anderen Gewerken, in denen die Wanderjahre ebenfalls verankert sind. Lange Zeit war sie sogar Voraussetzung, um den Meistertitel zu erlangen.

Früher begegneten wandernde Zimmerleute auf ihrem Weg auch Tischlern, Maurern, Dachdeckern, Steinmetzen, Holzbildhauern, Buchbindern, Schneidern, Goldschmieden oder Instrumentenbauern. Heute sind weltweit noch rund 600 bis 800 Gesellen auf der Walz. Auffällig ist der steigende Anteil von Frauen: Rund 20 Prozent aller Wandernden sind weiblich – mehr als jemals zuvor.

Regeln, Abenteuer und Stolz

Wer sich auf die Walz begibt, entscheidet sich bewusst für ein Leben mit Einschränkungen und Abenteuern.

  • Gesellen dürfen nur zu Fuß oder per Anhalter reisen.

  • Öffentliche Verkehrsmittel sind tabu – außer für Überfahrten auf andere Kontinente.

  • Oft sind sie mit wenig Geld unterwegs, ohne zu wissen, wo sie am nächsten Tag sein werden.

Gerade diese Unsicherheit macht den besonderen Reiz aus. Wandernde Zimmerleute gelten seit jeher als Abenteurer, manchmal jedoch auch als Außenseiter. Doch ihre Werte bleiben: Ehre, Kameradschaft und Stolz auf das eigene Handwerk. Die Walz ist kein leichter Weg, aber sie schenkt Erfahrungen, die ein Leben lang bleiben. Gestern. Heute. Morgen.