Bauen mit Holzabfall – Warum zirkuläres Bauen für den Holzbau interessant wird

Alles Müll? Holz, das heute auf dem Wertstoffhof landet, könnte morgen schon wieder Teil einer Fassade sein. Was zunächst ungewöhnlich klingt, wird tatsächlich bereits umgesetzt: In Kempten wurde eine Fassade aus gebrauchten Holzbrettern realisiert, die zuvor im Altholzcontainer eines Wertstoffhofs lagen.

Das Projekt zeigt, wohin sich das Bauen entwickeln könnte. Statt Materialien nach einem einzigen Einsatz zu entsorgen oder lediglich zu recyceln, sollen Bauteile möglichst lange im Kreislauf bleiben. Gerade für den Holzbau ist das ein spannender Ansatz.

Vom Altholz zum Bauteil

Bei der klassischen Wiederverwertung wird Holz häufig zerkleinert und beispielsweise zu Spanplatten weiterverarbeitet. Das Material bleibt also erhalten, verändert aber seine ursprüngliche Funktion.

Beim zirkulären Bauen geht es einen Schritt weiter: Bauteile sollen möglichst direkt wiederverwendet werden.

Genau das wurde bei der Fassade in Kempten ausprobiert. Die verwendeten Bretter stammen aus dem Altholzbereich eines Wertstoffhofs. Sie wurden auf die benötigten Maße zugeschnitten und mit einer Tropfkante versehen. Auf eine zusätzliche Imprägnierung oder Lackierung wurde bewusst verzichtet.

Das Ergebnis soll zeigen, dass gebrauchtes Holz nicht automatisch unbrauchbar ist. Entscheidend ist vielmehr, wie das Material beschaffen ist und ob es sich für einen neuen Einsatzzweck eignet.

Für Zimmerer steckt darin einiges an Potenzial

Im Holzbau wird ohnehin mit einem Werkstoff gearbeitet, der sich grundsätzlich gut für eine weitere Nutzung eignet. Gleichzeitig fallen bei Rückbau, Umbau und Sanierung große Mengen an Holzbauteilen an.

Dachlatten, Schalungen, Fassadenbretter oder andere Holzelemente müssen dabei nicht zwangsläufig das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben. Werden sie sauber ausgebaut, geprüft und entsprechend aufbereitet, können sie möglicherweise erneut eingesetzt werden.

Das verändert auch den Blick auf die Planung.

Denn wenn ein Gebäude schon bei seiner Entstehung so geplant wird, dass einzelne Bauteile später wieder ausgebaut und weiterverwendet werden können, wird aus einem Gebäude ein Materiallager für die Zukunft.

Für Zimmerer bedeutet das beispielsweise: Verbindungen, Bauteilaufbau und Materialauswahl können langfristig eine größere Rolle spielen.

Wiederverwenden ist nicht dasselbe wie recyceln

Die Begriffe Recycling und Wiederverwendung werden im Alltag gerne gleichgesetzt. Im Bauwesen gibt es jedoch einen wichtigen Unterschied.

Beim Recycling wird ein Werkstoff zunächst verarbeitet und anschließend zu einem neuen Produkt. Aus Holz können beispielsweise Holzwerkstoffe entstehen.

Bei der Wiederverwendung bleibt das Bauteil dagegen möglichst in seiner ursprünglichen Form erhalten.

Ein Fassadenbrett bleibt ein Fassadenbrett. Eine Tür bleibt eine Tür. Ein Fenster kann erneut als Fenster eingesetzt werden.

Das spart im besten Fall nicht nur Abfall, sondern auch die Energie und Ressourcen, die für die Herstellung eines neuen Bauteils benötigt würden.

Noch ist nicht jedes alte Bauteil einfach wieder einsetzbar

So interessant der Ansatz ist: Zirkuläres Bauen lässt sich nicht einfach überall umsetzen.

Gerade dort, wo es um tragende Bauteile geht, steigen die Anforderungen deutlich. Standsicherheit, Brandschutz, Feuchteschutz und die Nachweisbarkeit der Materialeigenschaften müssen weiterhin gewährleistet sein.

Bei einem gebrauchten Bauteil stellt sich deshalb schnell die Frage: Woher kommt es? Wie wurde es bisher eingesetzt? Welchen Belastungen war es ausgesetzt? Und lässt sich zuverlässig beurteilen, ob es für die geplante neue Verwendung geeignet ist?

Genau hier liegen aktuell noch einige der größten Herausforderungen.

Bei nichttragenden Bauteilen, Fassaden oder Innenausbauten kann die Wiederverwendung einfacher sein. Bei einem Tragwerk ist die Sache wesentlich komplexer.

Rückbau wird zum Teil der Planung

Ein spannender Gedanke des zirkulären Bauens ist deshalb, nicht erst beim Abriss über die Wiederverwendung nachzudenken.

Bereits bei der Planung könnte berücksichtigt werden, wie ein Gebäude irgendwann wieder auseinandergebaut werden kann.

Statt Bauteile dauerhaft miteinander zu verkleben oder zu verbinden, können lösbare Verbindungen interessant werden. Bauteile könnten dokumentiert und ihre Eigenschaften festgehalten werden. So wäre später nachvollziehbar, welche Materialien verbaut wurden und wie sie wieder verwendet werden können.

Für den Holzbau bietet sich hier eine interessante Perspektive: Viele Konstruktionen bestehen aus einzelnen, klar definierten Bauteilen, die sich grundsätzlich zurückbauen und erneut einsetzen lassen.

Was bedeutet das für die Zukunft des Holzbaus?

Das Beispiel aus Kempten ist noch kein flächendeckender Standard. Es zeigt aber, dass sich etwas bewegt.

Auch andere Projekte beschäftigen sich bereits damit, gebrauchte Bauteile vor dem Abriss zu erfassen und einer neuen Nutzung zuzuführen. In München wird beispielsweise über die Weiterverwendung von Bauteilen aus dem Olympiapark nachgedacht. Selbst größere Mengen bereits vorhandener Bauteile könnten damit wieder in den Baukreislauf gelangen.

Für den Holzbau könnte das langfristig neue Aufgaben und Möglichkeiten schaffen: vom sorgfältigen Rückbau über die Prüfung gebrauchter Bauteile bis hin zur Planung von Konstruktionen, die sich später wieder zerlegen lassen.

Zirkuläres Bauen bedeutet also nicht einfach, mit altem Holz zu bauen. Es bedeutet, Gebäude und Materialien von Anfang an anders zu denken.

Und vielleicht wird genau das in Zukunft zu einer weiteren Stärke des Holzbaus: Ein Gebäude ist nicht das Ende eines Materials, sondern nur eine Station in seinem Lebenszyklus.