In vielen Städten fehlt Wohnraum. Gleichzeitig stehen dort tausende Gebäude, über denen noch Platz wäre. Genau diesen Raum nimmt das Forschungsprojekt DENSITIM in den Blick. Statt weitere Flächen zu bebauen, sollen bestehende Wohngebäude aufgestockt werden. Holz könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen.

DENSITIM steht für „Urban Densification Timber System“. Das Forschungsprojekt der Technischen Universität München untersucht, wie sich Aufstockungen in Holzbauweise systematisieren und damit schneller, planbarer und wirtschaftlicher umsetzen lassen.

Viel Potenzial steckt bereits im Bestand

Im Mittelpunkt stehen Wohnquartiere aus den 1950er bis 1970er Jahren. Viele dieser Siedlungen bestehen aus ähnlich aufgebauten Gebäuden in Zeilenbauweise und eignen sich deshalb besonders für eine systematische Nachverdichtung.

Gleichzeitig stehen bei vielen Gebäuden dieser Generation ohnehin Sanierungen und Modernisierungen an. Warum also nicht prüfen, ob dabei auch zusätzlicher Wohnraum entstehen kann?

Statt neue Grundstücke zu erschließen, wird vorhandener Raum genutzt. Straßen, Anschlüsse und weitere Infrastruktur sind bereits vorhanden und zusätzliche Flächen müssen nicht versiegelt werden.

Warum Holz für Aufstockungen interessant ist

Wer zusätzliche Geschosse auf ein bestehendes Gebäude setzt, muss mit der vorhandenen Konstruktion arbeiten. Das Gewicht spielt dabei eine wichtige Rolle.

Hier kann Holz seine Stärken ausspielen. Holzkonstruktionen haben ein vergleichsweise geringes Eigengewicht und lassen sich gleichzeitig weitreichend vorfertigen. Wände, Decken oder Dachelemente können bereits im Holzbaubetrieb vorbereitet und anschließend möglichst montagefertig zur Baustelle gebracht werden.

Gerade bei bewohnten Bestandsgebäuden ist das ein Vorteil. Je mehr Arbeit vorab unter kontrollierten Bedingungen erledigt wird, desto kürzer kann die Montage vor Ort ausfallen.

Nicht jede Aufstockung von vorne planen

Eine Aufstockung bleibt abhängig vom jeweiligen Gebäude. Trotzdem wiederholen sich bei ähnlichen Beständen viele Aufgaben.

Genau hier setzt DENSITIM an.

Als Grundlage diente eine Siedlung der GWG Gesellschaft für Wohnungs und Gewerbebau Tübingen. Anhand des Bestands wurden wiederkehrende Strukturen und Anforderungen untersucht. Daraus entstand eine Baugruppensystematik für unterschiedliche Aufstockungsvarianten in Holzleichtbauweise.

Das bedeutet nicht, dass künftig überall das gleiche Geschoss aufgesetzt werden soll. Vielmehr sollen sich standardisierte Baugruppen so kombinieren lassen, dass unterschiedliche Gebäude und Wohntypologien möglich bleiben.

Das Prinzip ist im Holzbau nicht unbekannt: Nicht jedes Bauteil muss ein Einzelstück sein, damit am Ende eine individuelle Lösung entsteht.

Vorfertigung und digitale Planung gehören zusammen

Ein wichtiger Bestandteil des Projekts ist die Frage nach dem richtigen Vorfertigungsgrad.

Je mehr bereits im Betrieb gefertigt werden kann, desto weniger Arbeit bleibt auf der Baustelle. Das funktioniert allerdings nur, wenn Bestand und neue Konstruktion präzise aufeinander abgestimmt sind.

Maße, Anschlüsse und konstruktive Details müssen frühzeitig feststehen. Digitale Planung wird damit zu einer wichtigen Grundlage für die Vorfertigung.

Für viele Zimmerer und Holzbaubetriebe ist diese Arbeitsweise längst Alltag. Planung, Abbund und Fertigung greifen immer enger ineinander. DENSITIM zeigt, welches Potenzial darin auch für die urbane Nachverdichtung steckt.

Standardisieren, ohne Einheitslösungen zu schaffen

Die entwickelte Systematik ist bewusst nicht an einen bestimmten Hersteller oder einzelne Bauprodukte gebunden. Dadurch bleiben Projekte marktoffen ausschreibbar und unterschiedliche Holzbaubetriebe können mit ihren jeweiligen Fertigungsmöglichkeiten eingebunden werden.

Gleichzeitig soll die Wiederholbarkeit den Planungsaufwand reduzieren und genauere Kostenprognosen ermöglichen.

Standardisierung bedeutet in diesem Fall also nicht, überall gleich zu bauen. Es geht darum, bewährte Lösungen nicht bei jedem Projekt neu entwickeln zu müssen.

Weiterbauen statt neu bauen

Das Forschungsprojekt DENSITIM lief von Februar 2024 bis April 2026. Im August 2026 wurde das Projekt bereits im Podcast „Auf Holz bauen“ vorgestellt.

Am 24. September 2026 werden die Ergebnisse beim Symposium „DENSITIM | Weiterbauen statt neu bauen“ im Haus der Architektinnen und Architekten in Stuttgart präsentiert.

Vertreter aus Forschung, Planung und Wohnungswirtschaft sprechen dort unter anderem über Aufstockungen im Geschosswohnungsbau, die Entwicklung bestehender Wohnquartiere sowie über die Frage, wie Standardisierung und digitale Werkzeuge die Nachverdichtung beschleunigen können.

Für den Holzbau steckt darin ein interessantes Zukunftsfeld. Denn neuer Wohnraum muss nicht zwangsläufig auf einem neuen Grundstück entstehen.

Manchmal lohnt sich zuerst der Blick auf das, was bereits da ist. Und auf den Platz darüber.